Studienfahrt nach Prag
Prag, Technische Nationalbibliothek

Als wir die Bibliothek betreten sehen wir in einen hellen länglichen Saal. Beeindruckt lassen wir die Blicke schweifen. Von den Wänden begrüßen uns verzierte Einbände, während die Decke mit kunstvollen Fresken geschmückt ist. Nach einiger Zeit gehen wir weiter, in Richtung der am langen Ende des Raumes gelegenen Tür. Dort können wir in den zweiten Bibliothekssaal blicken um zu erkennen, dass wir bisher nur den „bescheidenen“ Saal der Bibliothek gesehen haben. Vor uns öffnet sich ein riesiger Saal, der die ganze Pracht des 18. Jahrhunderts in sich zu bündeln scheint. Dunkles Holz an den Wänden, hohe Regale gefüllt mit prächtigen Buchrücken – und hebt man erst den Kopf, so werden unsere Blicke von antiken Helden und biblischen Figuren an der Decke erwidert.
Wir – dass sind die Studenten der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern, Fachbereich Bibliothekswesen (FHVR). Jeder Jahrgang der FHVR hat die Möglichkeit für eine Woche ausländische Bibliotheken zu bereisen und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zu den Praktikumsbibliotheken in Deutschland zu entdecken. Dieses Jahr nutzte der Jahrgang 2013/2016 die Chance, um die Tschechische Republik näher kennen zu lernen.
Und so kommen wir im September 2015 neugierig am Pilsener Hauptbahnhof an, um in der amtierenden Kulturhauptstadt Europas die Studien- und wissenschaftliche Bibliothek der Pilsener Region zu besichtigen.
Überraschenderweise werden wir in perfektem Deutsch empfangen – denn hier wurde in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut eine Deutsche Bibliothek aufgebaut – und so kann uns eine deutsche Mitarbeiterin begrüßen. Sichtlich ist man froh, dass eine ausländische Reisegruppe die Chance ergriffen hat Pilsen zu erkunden, anstatt die Stadt nur auf der Fahrt nach Prag aus dem Zugfenster zu bewundern. Und der Zwischenstopp wird zu einem Glücksfall! Nicht allein weil wir hier zum ersten Mal die böhmische Küche genießen dürfen, sondern vor allem wegen einer engagierten und spannenden Bibliotheksführung. Besonders bemerkenswert war die Präsentation einiger Inkunabeln und alter Drucke. Nach der Einführung durch die Leiterin der Abteilung altes Buch, durften wir die Ausstellungsstücke aus nächster Nähe betrachten, in ihnen blättern und sie bestaunen.
Dennoch brechen wir noch am selben Tag auf, um die goldene Stadt zu erreichen. Und auch die späte Ankunft konnte uns nicht davon abhalten am nächsten Morgen frisch und (halbwegs) ausgeschlafen, Prag zu erkunden. Und es gab viel Sehenswertes!
Zum Beispiel thront über den Dächern der tschechischen Hauptstadt die Prager Burg – und nicht weit von ihr entfernt befindet sich auf demselben Hügel das nicht minder berühmte Kloster Mons Sion, besser bekannt als Strahov. Hier kommen wir wieder zurück zum Beginn des Beitrags, denn die hier anfangs beschriebene barocke Pracht befindet sich im Theologischen und im Philosophischen Saal dieser Bibliothek. Begleitet von einem Prämonstratenserpater können wir viel über die Geschichte des Klosters, der Stadt und die schwierigen Zeiten für Ordensbrüder und -schwestern während der sozialistischen Herrschaft lernen.
Auch am nächsten Tag, im Klementinum, konnten wir wieder eine Bibliothek in geschichtsträchtigen Gemäuern besichtigen. Hier befindet sich – in den ehemaligen Räumlichkeiten des Prager Jesuitenkollegs – die Tschechische Nationalbibliothek. Sie steht vor einer Herausforderung die vielen Bibliothekaren bekannt vorkommen dürfte: die Architektur vergangener Zeiten muss mit den Anforderungen einer modernen Serviceeinrichtung in Einklang gebracht werden. Aber die vielen Bauarbeiten, die wir beobachten, zeugen von der Bereitschaft diese Aufgabe anzugehen.
Und trotzdem könnte man angesichts all der vielen historischen Sehenswürdigkeiten Prags beginnen, die Stadt für ein Museum zu halten. Falls aber einer von uns so dachte, wurde er/sie von der vierten und letzten Bibliothek unserer Tour eines Besseren belehrt. Seit 2009 befindet sich die Technische Nationalbibliothek in einem neu errichteten Gebäude, das so manchen Bibliothekarstraum wahr werden lässt. Großzügige Regalflächen, viele Arbeitsplätze, moderne Gruppenarbeitsräume, Platz für Zonierungen und eine optimale Lage zwischen den Fakultäten zweier Universitäten – kurz gesagt: Eine Bibliothek um vor Neid zu erblassen. Und so staunen wir schon wieder in Prag, diesmal weil wir die moderne Architektur auf uns wirken lassen. Sie spielt mit den Kontrasten von bunten Fußböden zu schlichtem Sichtbeton mit offen liegenden Leitungen, und weist damit gleichzeitig auf den technischen Charakter der Einrichtung hin.
Dieser Ausblick in die Zukunft war ein schöner Kontrast auf einer Reise, die uns zuvor tief in die Vergangenheit des Bibliothekswesens eintauchen ließ. Wobei wir aber in manch alten Gemäuern einen frischen Geist und viele Innovationen entdecken konnten. Und als wir die barocken Säle des Klosters Strahov verließen, fanden wir auch noch ein schönes Symbol dafür, dass manche Dinge nie veralten. Die Mönche hatten vor Jahrhunderten mit dem Bierbrauen begonnen – und es schmeckt in der dortigen Klosterbrauerei noch immer so ausgezeichnet wie damals!

Kurs Q3 Bibl 2013/2016

Prag, Technische Nationalbibliothek

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