Sacherschließung – quo vadis?
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STEINESTADT. Am 15. April trafen sich Experten aus dem Bereich Wissenschaft und Bibliothek zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Sacherschließung – quo vadis?“ Jeweils zwei Wissenschaftler, Bibliothekare, Bibliotheksnutzer und Vertreter aus der Industrie tauschten, angeleitet durch die beiden Moderatoren Bettina Beredt (die Namen aller Beteiligten wurden geändert) und Emil Eloquent, ihre Meinungen zu diesem Thema aus.
Herr Modern, Leiter der Universitätsbibliothek Steinestadt, berichtete von den Plänen seiner Bibliothek, in Kürze aus der „Luxusaufgabe“ Sacherschließung auszusteigen. Aufgrund der kaum vorhandenen Kenntnis der Bibliotheksbenutzer über die Mehrwerte der Sacherschließung und einer daraus resultierenden geringen Nutzung der Schlagwortsuche, seien die personellen und finanziellen Ressourcen, die in eine solche Tätigkeit investiert werden müssen, nicht mehr gerechtfertigt. Die frei werdenden Mittel sollen beispielsweise für eine Erweiterung des Schulungsangebotes eingesetzt werden. Herr Fleißig als Vertreter der Seite der Bibliotheksbenutzer unterstützte diesen Schritt und bezeichnete die bibliothekarische Sacherschließung als „Beschäftigungstherapie“. Auch Frau Hinterdobler, eine weitere Nutzerin sprach sich gegen diese Form der Erschließung aus, sie sei in dieser Form nicht ausreichend und nicht relevant.
Dem gegenüber stand der Direktor der Theologischen Spezialbibliothek Weßling, Herr Lindström. Die Relevanz einer Sacherschließung sei abhängig von der Art der Bibliothek. In seiner Spezialbibliothek mit sehr speziellem Bestand sei sie allerdings für eine präzise Suche unerlässlich und die wenigen, aber hochkarätigen Nutzer wüssten sie durchaus zu schätzen. Auch seien seine Mitarbeiter in diesem Tätigkeitsbereich sehr erfahren. Zudem könne sich seine Bibliothek eine Erschließungssoftware gar nicht leisten. Mit seiner Stimme für die Sacherschließung war er allerdings allein innerhalb dieser Runde. Die beiden anwesenden Wissenschaftler, Frau Forsch und Herr Prof. Swets äußerten sich ebenfalls eher skeptisch. Die Gegenseite wurde auch von den beiden Moogle-Vertretern, Frau Kaufmann und Frau Reich, stark unterstützt. Sie warben für ihr neues Tool zur automatischen Erschließung, mussten bei Detailfragen allerdings an ihre IT-Abteilung und die zuständigen Mitarbeiter verweisen. Sie stellten neben der frei werdenden finanziellen Mittel, die anderweitig verwendet werden könnten, die Prozessbeschleunigung und die stark steigende Citation Rate heraus. Den Einwand von Herrn Lindström, ob eine Software eine intellektuelle Erschließung tatsächlich ersetzen könne, entkräfteten sie: Auch der menschliche Verstand sei anfällig für Fehler.
Die Frage der Moderatoren an die Bibliotheksnutzer, ob sie denn grundsätzlich offen seien für eine thematische Suche, beantwortete Frau Hinterdobler mit der Forderung nach innovativeren Suchmechanismen, die so einfach und intuitiv bedient werden können wie Google. Sie ist der Meinung, dass eine automatische Erschließung nicht zu einer einfacheren Suche führen würde und sprach sich für den Nutzen der Kataloganreicherungen aus. Herr Fleißig merkte des Weiteren an, dass ein Katalog für den erst eine Schulung besucht werden müsse, einfach „nichts taugt“.
Der überraschende Einwurf von Herrn Modern, der Katalog werde an der UB Steinestadt komplett eingestellt, lenkte die Diskussion in eine etwas andere, allgemeinere Richtung. Aufgrund des sehr heterogenen Datenmaterials sei der Katalog mit den gängigen Suchmaschinen nicht durchsuchbar. Langfristig seien neue Konzepte nötig und einer Zusammenarbeit mit der Industrie stehe man in Steinestadt offen gegenüber. „Der beste Anbieter wird unser Partner.“ Die Moogle-Vertreter witterten ihre Chance und versuchten einen Vorvertrag zu schließen. Zu diesem Vertragsabschluss kam es aber, wenigstens während der Diskussionsrunde, nicht. Herr Lindström reagierte entsetzt auf die Pläne der UB Steinestadt: „Bedienen Sie damit nicht die Faulheit und Dummheit der Benutzer?“ Dies wiederum führte zu einem Aufschrei seitens der Nutzer, die die fehlende Serviceorientierung der Spezialbibliothek anprangerten. Auf Nachfrage der Moderatoren präzisierte Herr Modern das Vorhaben der UB. Die Bibliothek werde keine Metadaten mehr erstellen, sondern von den Verlagen übernehmen. Die Bereinigung der bereits erwähnten, sehr heterogenen Daten würde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Die beiden Wissenschaftler sahen einer Abschaffung des Katalogs positiv entgegen, da ihnen dessen Existenz bis gerade eben noch unbekannt gewesen sei. Die benötigte Literatur werde von ihren Assistenten beschafft. Die Abschaltung des Katalogs wäre kein Verlust für Frau Forsch und Herrn Prof. Swets.
Die Moderatoren lenkten die Diskussion wieder in Richtung der eigentlichen Fragestellung und wollten von den Benutzern wissen, ob sie ihrer Meinung nach das allgemeine Stimmungsbild wiederspiegeln. Frau Hinterdobler und Herr Fleißig bejahten und berichteten, dass sie wenige Nutzer kennen, die die verschiedenen Suchmöglichkeiten des Katalogs nutzen würden. Es herrsche Konsens darüber, dass eine einfache Suche, wie sie Google bietet, wünschenswert sei und die Bibliothekare nur unverständliche Daten anhäufen. Dabei gebe es so viele andere Baustellen, wie z. B. die Öffnungszeiten, fehlende Benutzerarbeitsplätze und Verbesserungen im Publikationsbereich. Die Moogle-Vertreter nannten ihr Produkt als die Lösung dieser Probleme, da damit Ressourcen für andere Bereiche frei würden.
Herr Lindström bejahte die Frage nach einer Abhängigkeit von der Industrie, in die sich Bibliotheken mit einer solchen Zusammenarbeit geben würden und hielt an seinem Standpunkt fest: Seine Bibliothek werde weiterhin Sacherschließung betreiben und die weitere Entwicklung werde man sehen.
Zum Thema Schulungen gab Herr Modern zu, dass es weiterhin katalogspezifische Aspekte gebe, die berücksichtigt werden müssen. Schulungen nach altem Muster werde es in seinem Haus aber keine mehr geben. Frau Hinterdobler führte an, dass sie gar keine Zeit habe, Schulungen zu besuchen. Da sie die Literatur bis jetzt auch so gefunden habe, sei das unrentabel.
Abschließend stellte sich noch die Frage, wie Moogle agieren könne, wenn es keinen Katalog mehr gibt. Durch die Cloud und geschultes Personal entstünden dadurch laut der beiden Mitarbeiterinnen allerdings keinerlei Probleme.
Insgesamt scheint die Zukunft der Sacherschließung ungewiss. Nach der überwiegenden Ansicht der Diskussionsteilnehmer hat der Stellenwert jedoch stark abgenommen.

Alle Expertinnen und Experten sind Mitglider des Kurses Q3 Bibl. 2013/2016

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