Wissenschaftliche Kommunikation in sozialen Netzwerken – Vortrag von Dr. Alice Keller
wissenschaftliche soziale Netzwerke

Extra aus der Schweiz angereist kam am 22.06. ‚Chefbibliothekarin‘ Dr. Alice Keller von der Zentralbibliothek Zürich, um uns über „Wissenschaftliche Kommunikation in sozialen Netzwerken“ zu informieren.
Bereits ihre Promotion schrieb sie zu „Elektronischen Zeitschriften“, was zu dieser Zeit noch ein eher exotisches Thema war. Seitdem hat sich auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Kommunikation viel getan.
Heute existiert eine Vielzahl von Sozialen Netzwerken mit unterschiedlichsten Schwerpunkten, auf denen man vom Strickmuster bis zum perfekten Partner alles finden kann: Facebook, Twitter, Elitepartner, Xing, Pinterest, ResearchGate, YouTube, WhatsApp, Instagram, … Im Vortrag sollte es aber speziell um die wissenschaftlichen Netzwerke gehen, durch die sich das Kommunikationsverhalten auch in der Forschung zu verändern beginnt. Sie kombinieren persönliche  Interaktion und wissenschaftlichen Informationsaustausch. Besonders Letzteres – die Kollaboration in Gruppen – bringt die einzelnen Disziplinen, aber auch interdisziplinäre Forschungen deutlich voran. Ihr Wissen teilen, andere Arbeiten kommentieren, Reputation sammeln – dies können Forscher nun auch im Internet, jedoch viel schneller, als nur mit gedruckten Monografien und Rezensionen. Besonders viele Funktionen weisen LinkedIn, ResearchGate und Mendeley auf, aber im Wettbewerb um Nutzerzahlen ist das oft gar nicht entscheidend.
Die meisten Forscher haben ganz bestimmte Anforderungen an die wissenschaftlichen Netzwerke: andere Wissenschaftler zu finden und selbst sichtbar zu sein, relevante Publikationen zu finden (möglichst im Volltext), aber auch eigene Publikationen zu verbreiten. Außerdem wollen sich Wissenschaftler untereinander austauschen, auf Stellensuche gehen oder Informationen teilen. Die umfangreichen Geschäftsbedingungen der Anbieter werden wahrscheinlich von den Wenigsten gelesen. Was man sich aber auf jeden Fall genau ansehen sollte, bevor man eigene Artikel auf eine Plattform hochlädt, sind die Publikationsbedingungen im Autorenvertrag mit dem Verlag, denn diese sprechen oft dem Verlag die Verwertungsrechte zu – zumindest für einen gewissen Zeitraum. ResearchGate bietet eine Lösung für dieses Problem: Möchte man einen Artikel lesen, der nicht hochgeladen wurde, kann man den Autor anschreiben und persönlich darum bitten und bekommt dann vielleicht einen „digitalen Sonderdruck“.
Einen radikaleren Ausweg hat die „Schwarze Bibliothek der Wissenschaften“ gewählt: auf einer Website werden Millionen Artikel gratis online gestellt – sozusagen ein „Napster der Wissenschaft“. Für den Nutzer ist diese „Piratenwebsite“ komfortabel und nützlich. Rechtlich ist dieser Zugang jedoch problematisch, denn es werden Urheber- und Verwertungsrechte an aktuellen wissenschaftlichen Texten erheblich verletzt. Während auf „regulärem“ Weg hohe Kosten für Fachzeitschriften und Datenbanken bezahlt werden müssten, bietet die Schwarze Bibliothek der Wissenschaften kostenlosen Zugriff auf wissenschaftliche Publikationen. Es verwundert daher nicht, dass die Verlage gegen diese und vergleichbare Seiten, sowie gegen Plattformen wie ResearchGate, schon vielfach geklagt haben. Dabei steht eine nützliche und legale Alternative in den meisten Autorenverträgen bereits zur Verfügung, nämlich Repositorien wissenschaftlicher Institutionen wie z. B. Bibliotheken, auf denen Artikel – wenn auch meist erst nach einer Sperrfrist von 12 Monaten – zweitveröffentlicht werden können. Aber wer will schon so lange warten, um die aktuellsten Artikel aus einer einschlägigen Fachzeitschrift lesen zu können, zumal die sozialen Netzwerke ohnehin auf der Überholspur unterwegs sind. Ist die Bibliothek jetzt mit der Vielzahl dieser neuen Möglichkeiten bald nicht mehr relevant? Sorgt Open Access in den nächsten Jahren ohnehin für eine Entscheidung in der Zeitschriftenkrise (auch bekannt als Kampf „Gut gegen Böse“ zwischen Bibliotheken und Verlagen)? Oder gewinnt am Ende doch noch das Ego des Wissenschaftlers, der seinen Artikel trotzdem in ‚Nature‘ veröffentlichen will?
Die rasante Entwicklung der neuen Medien ist sicherlich nur schwer vorher zu sehen. Dennoch werden wissenschaftliche Bibliotheken auch in Zukunft noch ihre Legitimation haben und ihre Aufgaben in einer veränderten Wissenschaftslandschaft gegebenenfalls neu definieren – sonst sollten wir uns überlegen, doch schnell noch unser Studienfach zu wechseln.

Kurs Q3 Bibl. 2014/17

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