Buchrezension „Sie wissen alles“ von Yvonne Hofstetter (2014)
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Sehen kann man „sie“ nicht so richtig, denn sie sind eine noch recht unerforschte Spezies, die erst seit kurzem auf dem Radar der Menschheit aufgetaucht ist: Datenkraken. Sie zeigen sich nur ungern in ihrer vollen Pracht und strecken doch ihre Arme selbst in die entferntesten Winkel des weltweiten Netz aus.
Wovon sie leben? Von Daten aller Arten, hiernach haben sie einen gerade zu unersättlichen Hunger. Sie stopfen einfach alles in sich hinein und das Verblüffende dabei? Sie schaffen das alles, ohne jemals wieder etwas ausscheiden zu müssen, denn sie wachsen einfach weiter. Dabei haben sie zwei Strategien an Daten zu gelangen, zum einen leben sie von den Informationen, die Menschen freiwillig ins Netz einspeisen, zum anderen folgen sie Spuren und fressen Krümmel, die die Menschen unfreiwillig hinterlassen. Das alles weben sie zu einem feinen Gesamtbild zusammen, aus dem sie wiederum neue Informationen ziehen können und schaffen so digitale Zombies, kleine hartnäckige virtuelle Abbilder des einzelnen Menschen, über die er keine Kontrolle hat.
Seltsamerweise scheint dieser unglaubliche Fund nur wenige wirklich zu interessieren und das, obwohl die Arme der Datenkraken immer länger werden – sie haben sich sogar schon um Alltagsgegenstände in unseren Häusern geschlungen. Obwohl diese intelligenten Tiere sogar das Potential haben an den Grundfesten unserer westlichen Gesellschaft zu rütteln, an unseren Freiheiten und Staatsgebilden.
Yvonne Hofstetter sieht Datenkraken, alias Technologie- und Internetkonzerne, als supranationale Staaten am Horizont aufsteigen und sich dort in einem quasi rechtsfreien Raum ausbreiten. Ihnen folgen dunkle Wolken – Überwachung und Kontrolle. Ihre Hilfsmittel – Big Data, intelligente Maschinen und eine unbedarfte Gesellschaft, die sich von schönen Versprechungen locken lässt.
Die Autorin nähert sich Big Data und intelligenten Maschinen auf unterschiedliche Weisen: geschichtlich, wissenschaftlich-mathematisch, philosophisch und literarisch. Sie erzählt, wie Big-Data-Technologien im militärischen Umfeld entstanden sind, im Finanzsektor erstmals im zivilen Bereich eingesetzt wurden und welch problematische Folgen ihr unregulierter Einsatz dort hat. Sie erklärt sehr anschaulich, wie die mathematischen Modelle und Algorithmen hinter Big Data und intelligenten Technologien grundsätzlich funktionieren und welche Fallstricke sich dahinter verbergen. Zu bedenken bleibt dabei stets, dass die Grundlagen eines Modells nur so gut sein können wie der Data Scientist, der es entworfen hat, ebenso wie die Tatsache, dass ein Modell  nie mehr als einen Ausschnitt einer dynamischen Wirklichkeit abbildet. Dabei ist zu hinterfragen, inwieweit es die Realität korrekt abbildet, denn in einer komplexen Wirklichkeit muss ein Modell viele Annahmen treffen. Unfehlbar sind Modelle und intelligente Maschinen jedenfalls nicht.
Nachdem Big Data den Finanzsektor erobert hat, findet es nun auch im zivilen Sektor ungezügelte Verbreitung. Persönliche Daten sind der Rohstoff der Internetindustrie, Big Data beschreibt sie als Mittel neuer Informationseliten, Herrschaft über einen Dreiklang aus Informations- ,Gefühls-, und Verhaltenskontrolle auszuüben. Wenngleich sie hier eine machtvolle Warnung vor einem maßlosen Umgang mit persönlichen Daten ausspricht, liegt hier jedoch eine kleine Schwäche des Buches, denn es verschwimmen oftmals Ist-Zustand und Prognose.
„Sie wissen alles“ ist jedoch keine Dystopie, es ist auch kein Aufruf zur vollkommenen Abkehr von Big-Data-Technologien, denn schließlich kommt Yvonne Hofstetter aus der Branche und sieht für bestimmte Bereiche, wie etwa der Logistik, enorme Möglichkeiten. Es ist vielmehr ein Aufruf zu mehr Sensibilität und zu einer gesellschaftlichen Debatte. Daher entwickelt sie am Ende des Buches Möglichkeiten für einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Technologien, der begleitet werden muss von einer aufgeweckten und aufgeklärten Öffentlichkeit und durch die Schaffung von politischen Rahmenbedingungen.  Mittlerweile hat Yvonne Hofstetter nachgelegt, dieses Jahr erschien ihr neues Buch „Das Ende der Demokratie“.
Susanne Gressirer (Kurs 2015/18)

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