Aufbruch zu neuen Ufern – Bilderwelten-Ausstellung in der BSB
Bilderwelten

„Aufbruch zu neuen Ufern“: Unter diesem Titel ist noch bis 24. Februar 2017 der dritte und letzte Teil der großen Bilderwelten-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek zu sehen, die der altdeutschen Buchmalerei zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit gewidmet ist. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kurse QE3 Bibl. 2015/18 und 2016/19 konnten am 12.12.2016 nicht nur die beeindruckenden Exponate aus dem 15. und 16. Jahrhundert bestaunen, sondern bekamen überdies von Dr. Claudia Fabian, der Leiterin der Abteilung Handschriften und Alte Drucke, eine detaillierte Einführung anhand einer Multimedia-Präsentation.

Im Vergleich zur französischen und italienischen Buchmalerei der Frührenaissance fristen deutsche Buchillustrationen dieser bedeutenden Umbruchphase ein Schattendasein. Umso aufwendiger wurden die Vorbereitungen für die Bilderwelten-Ausstellung, die acht Jahre in Anspruch nahmen, dafür aber so viele Schätze aus den Magazinen der BSB zu Tage förderten, dass die Ausstellungsräume sie nicht zu fassen vermochten. Aus diesem Grund wurde die Ausstellung dreigeteilt. Part I („Luxusbücher“) und Part II („Ewiges und Irdisches“) haben bereits zahleiche Besucher angezogen, was nun auch für den Abschluss des Ausstellungszyklus zu erwarten ist.

Ein besonderes Prunkstück des dritten Ausstellungsteils ist das Gebetbuch Kaiser Maximilians I. mit seinen filigranen Randzeichnungen altdeutscher Meister. Zehn Exemplare dieses Gebetbuches wurden 1513 in Augsburg gedruckt, doch nur eines davon, das vermutlich der Privatbibliothek des Kaisers einverleibt werden sollte, wurde von den bedeutendsten deutschen Malern der Zeit illustriert. Bereits kurz nach der Fertigstellung wurde das Werk bedauerlicherweise in zwei Hälften geteilt. Während die eine Hälfte (mit den Zeichnungen von Albrecht Dürer und Lucas Cranach d.Ä.) in den Besitz der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek gelangte, befindet sich der andere Teil, der unter anderem von Hans Baldung und Hans Burgkmair illuminiert wurde, seit Jahrhunderten in der Stadtbibliothek von Besançon. Da sich die Bibliothèque municipale de Besançon im Rahmen der Bilderwelten-Ausstellung zu einer Leihgabe bereit erklärte, wurde zum ersten Mal seit rund 60 Jahren eine zeitweilige „Wiedervereinigung“ ermöglicht. In digitaler Form wird das Werk übrigens auch noch nach Ende der Ausstellung vollständig und in seiner ganzen Schönheit zu sehen sein.

Neben diesem Glanzstück konnten noch zahlreiche weitere Entdeckungen gemacht werden. Dazu gehörte beispielsweise die Darstellung einer Alraune in einem Arzneipflanzenbuch des frühen 16. Jahrhunderts, das vermutlich in Augsburg entstand. Alraunen wachsen bekanntlich in Vollmondnächten an Richtstätten und gelten daher in Deutschland seit Aufhebung der Todesstrafe als ausgestorben. Dass die Ernte der Alraunenwurzel eine heikle Angelegenheit war, ist jedoch dank des Arzneipflanzenbuches überliefert: Abgeschnittene Alraunen stießen eine gellenden Schrei aus, der mindestens zu einem gehörigen Schrecken, im schlimmsten Fall aber sogar zum sofortigen Tod führen konnte. Zu einem Tee aufgebrüht soll die Alraunenwurzel demgegenüber sehr bekömmlich gewesen sein und über Jahrhunderte als probates Mittel gegen sexuelle Begehrlichkeiten gedient haben.

In direkter Nachbarschaft zu diesem heilkundlichen Werk befindet sich ein schwäbisches Losbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, in dem sich eine, in feiner Federzeichnung ausgeführte, Abbildung des Rads der Fortuna befindet. Die Handschrift wurde bei langwierigen Krankheiten zu Rate gezogen und versprach zudem Antworten auf politische Tagesfragen und unkomplizierte Hilfe bei Alltagsproblemen. Angeblich erfüllt sie bei den Mitarbeitern der Staatsbibliothek bis heute ihren Zweck.
Die genannten Exponate sind freilich nur ein Bruchteil der gezeigten Kostbarkeiten, zu denen etwa die prächtig illuminierte Historia destructionis Trojae des Guido de Columnis oder eine auf etwa 1430 zu datierende Handschrift des Gralsepos Jüngerer Titurel gehören.

In der zweiten Schatzkammer wird aus Anlass des 500jährigen Reformationsjubiläums eine Auswahl seltener Bibelausgaben des 9. bis 16. Jahrhunderts gezeigt. Im Zentrum steht die große Lutherbibel, die um 1560 von Lucas Cranach dem Jüngeren bebildert wurde. Dass es sich bei dabei um die erste Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche handelt, ist freilich nur eine alte Propaganda der Lutheraner, doch wurde ihr Erscheinen bahnbrechend für die Verbreitung des neuen Glaubens und die Entwicklung der deutschen Sprache. Neben den vielen reich verzierten religiösen Schriften (darunter die goldglänzende Furtmeyr-Bibel, die zwischen 1465 und 1470 in Regensburg entstand) wirkt die bescheiden am Rand platzierte Gutenbergbibel der Bayerischen Staatsbibliothek beinahe etwas verloren. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei allen gezeigten Ausstellungsstücken um wertvolle Unikate handelt, die – wie der in einen Atlas eingeklebte Einblattdruck des Waldseemüller‘schen Globus aus dem Jahr 1507, auf dem die Neue Welt bereits als „America“ bezeichnet wird – zum Teil erst vor kurzer Zeit entdeckt wurden, stellt sich die Frage, wie viele Schätze noch in den Magazinen der Bibliotheken und Archive schlummern, wie viel aber auch durch Kriege und andere Katastrophen für immer verloren gegangen ist.

Herzlich bedanken möchten wir uns bei Frau Dr. Fabian für ihren lebendigen Vortrag, der deutlich machte, dass die Bilderwelten-Ausstellung nicht nur mit großem Sachverstand, sondern auch mit viel Begeisterung konzipiert wurde, die sich nun auf die Besucher überträgt.

Link zur Virtuellen Ausstellung Bilderwelten

(Fabian Waßer, Kurs QE 3 Bibl 2026/2019)

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