Kurzpraktikum an der Wiener Library in London
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Im Februar 2018 verbrachte ich im Rahmen einer meiner Kurzpraktika einen Monat an der Wiener Library for the Study of Holocaust and Genocide in London. Die Bibliothek ist eine Spezialbibliothek (und Museum und Archiv) für die Erforschung des Holocausts und weiterer Massenmorde in der Geschichte der Menschheit.
Schon bevor ich mein Praktikum begann wurde ich vor allem eines gefragt: „Warum ist die Wiener Library in London und nicht in Wien?“.

Diese Frage kann ich ganz einfach beantworten: Die Wiener Library wurde nach ihrem Gründer und Förderer Alfred Wiener benannt, einem jüdisch-deutschen Gelehrten, der schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts den aufkeimenden  Antisemitismus in Deutschland realisierte. Er begründete eine Sammlung, die aus diesen Jahren antisemitische (Propaganda-)Werke (seien es nun Zeitschriftenartikel, Flugblätter oder Bilder) beinhaltete. Während der 30er Jahre musste er zunächst nach Amsterdam fliehen und schaffte es auch, seine Bibliothek dorthin zu retten. Da er und seine Familie dort jedoch nach dem Einmarsch der Deutschen ebenfalls nicht mehr sicher waren, landeten er und seine Sammlung (von der diesmal leider ein Großteil verloren ging) in London.
Dort arbeitete er ununterbrochen weiter, die Gräueltaten der Nazis zu dokumentieren, aufzubewahren und sammelte zusätzlich noch tausende Zeitzeugenberichte von Opfern des Nationalsozialismus, die bis heute noch nicht alle komplett erschlossen sind.
Die Bibliothek, die heute von einer ehrenamtlichen Stiftung und Spenden getragen wird, heißt nach ihrem Begründer „Wiener“ und befindet sich in Bloomsbury, einem Stadtteil von London und nicht in Wien, auch wenn dies vielleicht erst einmal näher liegen zu scheint.

Während ich in der Wiener Library war, wurden mir zunächst alle Arbeitsbereiche gezeigt. Die Bibliothek ist zwar relativ klein, da sie jedoch die einzige wirkliche Spezialbibliothek zur Erforschung des Holocausts in Großbritannien ist, dennoch relativ wichtig für die Forschung dort. Daher hat die Bibliothek auch ihr eigenes Research Department, betreibt also auch eigene Forschung oder versucht Gastlesern ihre Forschungen zu erleichtern. Zusätzlich gibt es natürlich auch die klassische Erwerbungs- und Benutzungsabteilung, sowie ein kleines IT-Team, das auch die eigene Webseite betreut.
Nachdem ich mit allen Mitarbeitern einmal gesprochen hatte, durfte ich an verschiedenen kleinen Projekten mitarbeiten. Eines davon bestand darin, geographische Schlagworte an verschiedenen, digitalisierten „eyewitness testimonies“, also Zeitzeugenberichten aus den 50er Jahren, zu vergeben. Die meisten dieser Berichte waren auf Deutsch und wurden z.B. von jungen Juden verfasst, die mit einem der Kindertransporte rechtzeitig als Jugendliche Deutschland verlassen konnten. Das war zwar teilweise  bedrückend, da viele dieser Menschen große Teile ihrer Familien und Freunde verloren hatten. Gleichzeitig hatte ich jedoch auch das Gefühl, einen Beitrag zu leisten, eben gerade diesen Menschen wieder eine Stimme zu geben, indem ich half, ihre Berichte besser auffindbar zu machen.

Außer diesem Projekt habe ich vor allem noch die Öffentlichkeitsarbeit einer Bibliothek, die auf Spenden angewiesen ist, erleben können.
Zunächst schrieb ich eine Buchrezension zu Titeln, die auf der Londoner Jewish Book Week von ihren Autoren vorgestellt wurden. Auf diesem Festival wird die jüdische Kultur in London gefeiert und verschiedene Bücher werden von ihren Autoren vorgestellt, von denen die Wiener Library natürlich auch einige besitzt. Dabei konnte ich zusätzlich noch mein Englisch etwas verbessern – wer den Artikel lesen möchte, er ist auf dem Blog der Wiener Library zu finden.

Wie bereits erwähnt, ist die Wiener Library nicht nur eine Bibliothek, sondern erfüllt auch die Funktion eines Archivs und eines Museums. Während meines Aufenthaltes dort wurde die neue Ausstellung „Fate Unknown“ gelauncht, in der es um die Suche nach Personen geht, die während des Krieges verschleppt wurden oder flüchten mussten.
Ich durfte bei dem Aufbau der Ausstellung und dann später auch bei der Eröffnungsveranstaltung mithelfen. Veranstaltungen wie diese, aber auch Lesungen und Vorträge, machen die Wiener Library zu einem sehr speziellen Ort der Begegnung und der Forschung und ich durfte noch bei ein paar weiteren Veranstaltungen mithelfen, während ich dort war.

Zuletzt ermöglichte mir die Wiener Library einen Besuch beim Bibliothekslieferanten und Buchladen Foyels, sowie der Senate House Library, einer Art zentralen Universitätsbibliothek der University of London. Dadurch konnte ich zusätzlich noch einen kleinen Überblick über das Bibliothekswesen in Großbritannien bekommen und einmal das komplette Gegenteil von Buchpreisbindung erleben: 40 % Rabatt auf ein Buch ist etwas, was man in Deutschland eher selten findet!

Meine Zeit an der Wiener Library war eine großartige Erfahrung, die auch durch die tollen Mitarbeiter dort, insbesondere durch meinen Betreuer Gregory Toth, ermöglicht wurde. Im Rahmen meines Praktikums habe ich auch noch einen etwas längeren Artikel über meine Arbeit dort für den Blog der Wiener Library geschrieben, falls jemand etwas mehr lesen möchte: My internship at The Wiener Library

Für jeden, der einmal eine richtige Spezialbibliothek kennen lernen und sich durch Londons Straßen treiben lassen will, kann ich ein Praktikum dort wärmstens empfehlen.

Franziska Zenkel, Kurs Qe3 Bibl 2015/18

Lesesaal der Wiener Library

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Wiener Libary Tora

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Wiener Library Plaketten

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