„Bibliotheken früher Christen“. Vortrag von Prof. Roland Kany (Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Altertums / LMU München) am 18.04.2018
Codex Amiatinus

Bibliotheken bzw. Büchersammlungen sind keine Erfindung der Neuzeit. Vielmehr lassen sich entsprechende Einrichtungen bereits lange Zeit vor der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts nachweisen. Zu nennen sind hier etwa die „Bibliothek“ des assyrischen Königs Aššurbanipal in Ninive im heutigen Irak, die berühmte Bibliothek von Alexandria mit ihrer Vielzahl an Schriftrollen, die ihren Zeitgenossen als bedeutendster Wissensspeicher der Antike galt, oder aber die Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen aus dem frühen 8. Jh., die schon allein wegen ihrer beeindruckenden Bestände heute zurecht Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist. Neben diesen absoluten Glanzlichtern des vormodernen Bibliothekswesens gab es jedoch noch zahlreiche weitere Buchsammlungen, von denen sich viele in Privatbesitz befanden – nur haben sich von diesen, im Gegensatz zu den zuvor genannten, bedauerlicherweise kaum Spuren erhalten. Die Frage, welche Bücher die Menschen der Antike in ihrem Besitz hatten, beschäftigt die Forschung daher bereits seit langem.
Mit seinem Vortrag „Bibliotheken früher Christen“ bot Prof. R. Kany vom Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Altertums der Ludwig-Maximilians-Universität München uns, den Studierenden der Kurse 2015/18 bzw. 2016/19, einen interessanten Einblick in seine Forschungen zum Buchbesitz antiker Christen. Hierzu gilt es zunächst festzuhalten, dass man in diesem Zusammenhang in erster Linie auf den Befund literarischer Quellen angewiesen ist, da sich aus der gesamten christlichen Antike keine Bibliothek mitsamt ihren kompletten Beständen erhalten hat. Wenn man wissen möchte, was antike Christen gelesen haben, ist man somit vor allem auf Papyri und zeitgenössische Berichte angewiesen, die sich jedoch als überraschend ergiebig erweisen. So erfährt man etwa, dass es bereits während der Antike insbesondere in den großen Städten einen florierenden Buchmarkt gab, und auch über den Preis von Büchern lassen sich zumindest grobe Aussagen treffen. Und entgegen der weitverbreiteten Ansicht, der zufolge Bücher durch ihren hohen Preis Luxusgüter und daher lediglich für die Oberschicht erschwinglich gewesen seien, konnte Prof. Kany eindrucksvoll zeigen, dass wohl auch Menschen der Mittelschicht wie z. B. Grammatiklehrer es sich leisten konnten, eigene Bücher zu erwerben. Rückschlüsse auf die Frage, wie weit verbreitet der Besitz von Büchern zur Zeit der Antike insgesamt gewesen ist, lassen sich hieraus jedoch nicht ableiten, zumal es in diesem Zusammenhang auch zu bedenken gilt, dass neben dem hohen Preis auch die zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Regionen unterschiedlich entwickelte Lesefähigkeit weiter Teile der Bevölkerung des Römischen Reichs die Verbreitung von Büchern hemmten.
Dies galt auch für die antiken Christen, weshalb sich unser Wissen über christliche Buchsammlungen im Wesentlichen auf den Bereich der gelehrten Oberschicht (Theologen, Bischöfe, vermögende Privatpersonen, etc.) begrenzt, von denen die Mehrheit lesen konnte und innerhalb derer Privatbibliotheken seit jeher einen hohen Stellenwert besaßen. Was dabei deutlich zu Tage tritt, ist ein Netz aus miteinander in engem Austausch stehenden Personen, die untereinander Bücher tauschten bzw. verliehen. Wer auf dem Markt ein neues Buch erwerben konnte, gab dieses in der Regel an Freunde und Bekannte weiter, die es wiederum durch Sklaven oder Lohnschreiber für ihre eigene Bibliothek abschreiben ließen, und auf diese Weise maßgeblich zur raschen Verbreitung literarischen Guts beitrugen. War eine Schrift heiß begehrt, konnte es so durchaus geschehen, dass sie innerhalb weniger Jahre weite Strecken zurücklegte, und in verhältnismäßig kurzer Zeit in zahlreichen Exemplaren vorlag. Von den Christen gelesen wurde jedoch nicht allein christliche Literatur. Insbesondere die großen Klassiker der paganen Antike wie zum Beispiel Homer oder Cicero fanden auch unter den Christen ihre Bewunderer, die die entsprechenden Texte in ihren Privatbibliotheken sammelten und auf diese Weise für die Nachwelt bewahrten. Was ihren Literaturgeschmack betraf, unterschieden sich antike Christen somit nur wenig von ihren nichtchristlichen Mitmenschen. Bei all den Gemeinsamkeiten darf man jedoch nicht übersehen, dass es auch Unterschiede gab. Der wohl augenfälligste ist dabei die schon im 2. und 3. Jahrhundert zu beobachtende Präferenz der Christen für den Codex (hier werden die Pergament- oder Papyrusblätter gefaltet und zwischen zwei Holzdeckeln zusammengebunden). Zu dieser Zeit wurden für pagane Inhalte noch meistens Buchrollen verwendet. In der Spätantike wurden Codices dann das bevorzugte Beschreibmedium für pagane wie für christliche Inhalte.
Wir danken Prof. Kany recht herzlich für den überaus lehrreichen Einblick in seine Forschungen zum christlichen Bibliothekswesen der Antike!

Bei der Abbildung handelt es sich um einen Bildausschnitt aus dem Codex Amiatinus.

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