Europa – mitten im Indischen Ozean: Praktikum an der UB der Université de La Réunion
Réunion Universitätsbibliothek

Eine der häufigsten Reaktionen, die ich erhielt, wenn ich erzählte, dass ich die Möglichkeit, ein Auslandspraktikum zu absolvieren, auf La Réunion realisieren würde, war: „La Réunion, wo ist das denn?“ Auf meine Antwort, dass das eine Insel in der Nähe von Mauritius sei, erntete ich in der Regel neidische Blicke und mir wurde sofort unterstellt, dass ich nur zum Urlaub machen dorthin fahren würde. Zugegebenermaßen weckte diese Insel, die als eines der Dépârtements d’Outre-Mer Frankreichs zugleich zur Europäischen Union gehört – fast 10.000 km von der Heimat mit Euro bezahlen zu können, ist wirklich ein seltsames Gefühl – schon vor etlichen Jahren mein Interesse, insbesondere weil sie eine außergewöhnlich reiche Flora- und Faunawelt aufweist. Dennoch motivierte mich vor allem die Tatsache, wieder in einer französischsprachigen Umgebung sein zu können – mein erstes Studium der Galloromanistik liegt zwar inzwischen ein paar Jahre zurück, die Liebe zu dieser Sprache besteht aber ungebrochen – Natur und Wärme in einer Zeit, in der in Deutschland noch Winter herrscht, waren eher nette Zugaben. Tiefere Einblicke in das französische universitäre Bibliothekssystem – man denke nur an den berühmt-berüchtigten Zentralismus unseres Nachbarstaates – zu gewinnen und mich ein wenig mit den Besonderheiten einer Insellage fern vom “Mutterland” und damit auch der dortigen Literaturproduktion vertraut zu machen, waren Hauptanliegen dieses Praktikumsaufenthaltes.

An die Bibliothek habe ich mich persönlich gewandt, die ehrliche Begeisterung über mein Interesse an der Bibliothèque universitaire de Saint-Dénis, La Réunion, bestärkte mich in meinem Vorhaben. Ein paar administrative Schritte mussten trotz allem eingehalten werden, dieser Papierkram war mir von meinem Erasmus-Aufenthalt nur allzu bekannt. Schließlich war jedoch alles erledigt, das Ticket gebucht, und etwas mehr als eine Woche vor dem Abflug hatte ich auch endlich eine Wohnmöglichkeit für die vier Wochen, die ich auf La Réunion verbringen würde – nach drei Wochen Praktikum wollte ich auch noch ein wenig die Insel entdecken, so schnell würde ich dann auch wieder nicht noch einmal an dieses “Ende der Welt” reisen. Das Studentenwerk hatte es nämlich nicht für nötig befunden, mir eine Absage auf meine Anfrage auf einen  Wohnheimplatz zu schicken…

Die Universität ist klein, es sind etwa 12.000 Studenten, es ist keine Volluniversität und sie ist über mehrere Standorte auf der Insel verteilt. Deshalb ist auch einer der Angestellten an drei unterschiedlichen Tagen zu den diversen Bibliotheksstandorten unterwegs – wem die Bibliothek der Universität Bamberg etwas näher vertraut ist, der kann sich vielleicht eine kleine Vorstellung machen – mit dem Unterschied, dass es bis zum Campus im Süden der Insel knapp 100 km sind. Einen Tag durfte ich ihn begleiten, die Bibliothek dort ist sehr neu – sie wurde 2006 eingeweiht – hell und hat wunderschöne Ausblicke aufs Meer und in die Berge. Ansonsten verbrachte ich meine Zeit überwiegend mit elektronischen Ressourcen, die hier eine echte Alternative darstellen, lernte einiges über das französische Universitätsbibliothekswesen und seine unterschiedlichen Organisationen – die Mitarbeiter beantworteten meine Fragen ausführlich und sehr geduldig und ich wurde mit allerlei zusätzlichem Material eingedeckt, das ich zu Hause noch näher studieren werde – und konnte mich mit den französischen Entsprechungen des bibliothekarischen Fachvokabulars vertraut machen.

Erkenntnisse aus dem Praktikum?
Das französische Universitätsbibliothekssystem befindet sich auf dem Weg der Dezentralisierung, allerdings wird der einheitliche Bibliotheksverbund wohl erhalten bleiben, Bibliotheksverwaltungssysteme gibt es in vielerlei Varianten und alle haben ihre Defizite, die von den Bibliothekaren beklagt werden, das Budget wird Jahr für Jahr bei gleichzeitig steigenden Preisen gekürzt. So far, nothing new.
Die Besonderheiten der Insellage stellten sich für mich jedoch anders als erwartet heraus. Zwar sind die Lieferzeiten der physischen Medien deutlich umfangreicher als “en métropole”, aber ansonsten läuft es doch ziemlich ähnlich, was den generellen Bibliotheksalltag betrifft. Aus Sicht der Bibliothekare ist insbesondere der mangelnde direkte Austausch mit Kollegen, die Schwierigkeiten, an Fortbildungen teilzunehmen, die mit teuren und langen Reisen nach Frankreich verbunden sind, und die Suche nach Nachwuchskräften, die nur dort ausgebildet werden, zu beklagen. Dadurch ist die Fluktuation teilweise hoch, weil viele nur für ein paar Jahre hierher kommen und dann wieder ins geographische Europa zurück kehren.
Auch die Studenten sind hier nicht anders als bei uns und nutzen die Bibliothek immer stärker als Arbeits- und Lernort und immer weniger wegen der Bestände. Die Klage, dass es zu wenig Gruppenarbeitsräume und Platz gäbe, kommt uns ebenfalls sehr bekannt vor…
Der running gag diesbezüglich ist allerdings: Die Studenten kommen wegen “une place climatisée” und nicht wie in europäischen Breiten “une place bien chauffée”.

Und Öffnungszeiten sind auch kulturell und klimatisch bedingt, nach 19h – dann wird es hier spätestens dunkel – lohnt es sich nicht, die Bibliothek weiterhin zu öffnen, da die meisten dann zu Hause sind. Auf den Straßen und auch sonst ist dann tatsächlich kaum etwas los, eine studentische Kneipenkultur gibt es hier kaum (Alkoholismus ist aber ein großes gesellschaftliches Problem…). Hätten sie jedoch die finanziellen Möglichkeiten, dann würden sie bereits um 7h, wenn nicht noch früher öffnen. Tatsächlich war ich bei meinen morgendlichen Läufen – die einzige Tageszeit, zu der ich das machen konnte, der Temperaturschock von 0 auf 30°C und das tropische Klima saßen – erstaunt, wie voll die Straβen bereits um 5:30 h waren, da ging es zu wie auf dem Mittleren Ring um 7h… Diesen frühen Tagesbeginn konnte ich aber nur allzu bald nachvollziehen. Der tropische Sommer und die Regenzeit sind jedenfalls nicht der ideale Zeitpunkt, diese Insel zu entdecken, am 09.03. waren aufgrund der starken Niederschläge, die zu Straßensperrungen führten, Kindergärten, Schulen und auch die Universität geschlossen…

Aus meiner Sicht kann ich ein Auslandspraktikum nur empfehlen – ich habe nicht nur bibliothekarisch etwas gelernt und meine Sprachkenntnisse aufgefrischt, sondern auch kulturell und persönlich, allein schon deshalb, weil ich mich hier unter so vielen dunkelhäutigen Menschen ein bisschen so fühlte, wie sich Schwarzafrikaner bei uns fühlen müssen – als “Alien”, mitten in Europa.

Janine Isola (Kurs Q3 Bibl 2012/2015)

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